Fachwissen

Mehr als der gehobene Durchschnitt

Massivholzverbindungen. Immer wieder sieht man beim Besuch von Ausstellungen und Messen kleine Besonderheiten, die einem Möbel das gewisse Etwas geben, wodurch es aus der Masse herausragt und den Betrachter fesselt.

Manchmal könnte man fast glauben, dass sich der moderne Möbelbau in drei Lager aufteilt:

Einerseits gibt es da den Plattenbau vom Feinsten mit betont kubischen,
schon fast scharfkantigen Formen, die zusammenfliessen, ohne zu zeigen,
wie sich die verschiedenen Ebenen konstruktiv zusammenhalten.

Daneben haben wieder vermehrt runde Flächen und auch runde Kanten Eingang in den Möbelbau gefunden. Aber auch sie spielen vor allem mit grossflächigen Formen. Diese Flächen zeigen dann in ihren Materialisierungen verschiedenste Strukturen und feine bis sehr rustikale
Holzbilder. Ihre Verbindungen zu den nächsten Elementen sind dafür ausser
bei Sitzmöbeln unauffällig, kaum erkennbar und spielen somit eine untergeordnete Rolle.

Vollends rustikal gibt sich die dritteLinie, welche alte Möbel aus den ländlichen Bereichen in die heutige Zeit zerrt und parodiert. Dabei werden
gerne klassische Möbelverbindungen in Szene gesetzt und moderne Elementewie Glas hinzugefügt.

 Das Besondere unter dem Normalen
Behauptungen, welche einen Zeitgeist und die daraus entstandenen Produkte auf wenige Punkte reduzieren wollen, stimmen höchstens beim groben Hinsehen, dem schnellen Durchlaufen durch Fachgeschäfte und über Messen. Wer oft solche Orte besucht und Ausschau nach dem Speziellen
hält, dem fallen aber immer wieder besondere Verbindungen auf. Besondere, weil sie in ihrer Anwendung dem jeweiligen Produkt einen zusätzlichen Wert geben. Es entsteht eine Ausstrahlung, die Einzigartigkeit vermittelt und sich deutlich von Gewöhnlichem abhebt. Die folgende kleine Sammlung an Entdeckungen, die man als Fachbesucher so machen kann, soll einmal nicht konkrete Produkte mit ihren Modellbezeichnungen und Angaben zu den Herstellern aufzeigen, sondern bewusst verwendete Massivholzverbindungen
ins Zentrum stellen.

Überplattungen mit System
Eine Verbindung hat immer zuerst einmal einen funktionellen Zweck, indem sie einen stabilen und dauerhaften Übergang von Elementen schafft. Sollen die Stäbe eines Holzgitters beidseitig bündig sein, müssen sie überplattet werden. Das sorgt dann auch gleich für die Winkelstabilität des Gitters.
Sind nur schon die Gitterstäbe in der Längsrichtung geformt, ergeben sich viele Gestaltungsmöglichkeiten, mit denen ein Möbel besonders wird.
Im Gegensatz zu den Gittern geradezu dezent unauffällig zeigt sich eine Möglichkeit der Korpus-Eckverbindung mit mehrfacher Nut-Kamm-Verbindung. Durch das Ineinandergreifen von zwei Kämmen in zwei Nuten
entsteht eine sehr stabile Verbindung, die zudem auch einfach positionier- und verleimbar ist. Die noch schmale, sichtbare Kante und der je nach Lichteinfall frontal erkennbare Verschluss veredeln jeden kubischen
Korpus.

Ein Spiel mit guten Proportionen
Traditionelle Verbindungen haben keine authentische Wirkung, wenn sie für das Möbel nicht gut proportioniert wurden. Offene und verdeckte Zinken lassen sich mit CNC-Bearbeitungszentren recht einfach produzieren.
Einem bewussten Einsatz steht also nichts mehr im Wege. Mit dem Gruppieren der Schwalbenschwänze und variieren der Abstände kann mit dieser stabilen Verbindung auch dekorativ viel erreicht werden.
Schwalbenschwanzverbindungen entstammen einer Zeit, in der Leime noch nicht langfristig zuverlässig waren und es auf die konstruktive Holzverbindung ankam. Die trapezförmige Lösung ist für viele Menschen
ein vertrautes Bild und assoziiert hohe Festigkeit. Bedenkt man, dass die Tiefe dieser Verbindung ja nicht begrenzt ist und – wie bei einer Gratleiste – eine längere Verbindungsstrecke möglich ist, gibt es auch überraschende Lösungen. Da kann beispielsweise eine schön gefertigte Tischbeinverbindung
schon einmal den Betrachter ins Grübeln bringen.

Von nervös bis ganz ruhig
Der trapezförmige Schwalbenschwanz ist im Grunde genommen eine verhältnismässig einfache Verbindung, da alle Flächen, die ineinandergreifen, gerade sind. Betrachtet man ein Puzzle, zeigt sich, dass
es um die gleiche Verbindungsart geht – es gibt also viele Möglichkeiten, diese Verbindung zu formen. Und wie bei einem Puzzle lassen sich auch Möbel dreidimensional zusammenstecken. Ist diese hintergreifende Steckform gut gewählt, entstehen einzigartige Möbel, dieauch unruhig wirken  können. Ruhe und Kraft vermittelt eine andere Konstruktionsart,
die oft bei Tischbeinen Verwendung findet: Die mehrfach geschlitzte Verbindung in der Laufrichtung der massiven Tischplatte wirkt vertraut, kraftvoll und doch irgendwie dezent. Ein konisches Bein und die optische Reduzierung der Tischplattendicke kann der Verbindung noch
mehr Ausdruck geben.

Kraftvolle Einfassungen
Auch Rahmenkonstruktionen erlauben konstruktiv und optisch spannende Verbindungen. Werden beispielsweise die Aussenfrieseeines Korpusmöbels an ihren Enden als Gabeln ausgebildet und an den Korpusecken
ineinandergesteckt, entstehen Knotenpunkte mit einer sehr markanten Ausstrahlung. Auch wenn diese Steckverbindung Stabilität verspricht, muss sie verleimt werden, damit sie das auch halten kann – die Gabeln lassen sich sonst in der jeweiligen Längsrichtung herausziehen. Wer jetzt an die frästechnischen Möglichkeiten eines CNC-Bearbeitungszentrums denkt, wird feststellen, dass es auch Lösungen ohne Leimgeben könnte. Immer wieder schöne Wirkungen lassen sich erzielen, wenn viele feine Lamellen
mit kleinen Zwischenräumen einen grossen Rahmen ausfachen. Wer die Minizapfen am Lamellenende nicht einfach in eine durchlaufende Nut stecken möchte, muss besonders die Verleimung sehr gut vorausplanen,
damit die Flächenausrichtung der Lamellen stimmt und möglichst kein Leim abgeputzt werden muss.

Lösbare Holzverbindungen
Verbindungen, die ein leimfreies Zusammenstellen verschiedener Komponenten erlauben, sind immer wieder ein spannendes Thema. So ist es sogar durchaus möglich, unverleimte Massivholzfronten zu fertigen.
Dies geht sogar so weit, dass durch eine dekorative Ausgleichsfuge im Griffbereich der natürliche Breitenausgleich – durch Schwinden und Quellen – geschehen kann und das Aussenmass konstant bleibt. Steckbare Holzverbindungen, die Leim oder Metallbeschläge überflüssig machen, gehören seit jeher zu den Themen, die findige Schreiner in ihrem kreativen Tüfteln beflügeln. So gibt es schon seit weit über hundert Jahren zerlegbare Kleiderschränke, die mittels Keile zusammengehalten werden.
Und immer wieder findet ein Schreiner eine neuere Version wie man einen Bettrahmen zerlegbar macht und nur mit Holz zusammenbaut. Die Regalkonstruktion rechts im Bild wurde ganz aktuell am diesjährigen Salone in Mailand gezeigt. Ein raffinierter Verschluss erlaubt es, die Regalstangen so in die Tablare einzubringen, dass sie mit Holzeinlagen gesichert, aber demontierbar sind und
das Möbel fixieren.
ANDREAS BRINKMANN